Wer heute durch Dörfer, Städte oder Kleingartensiedlungen spaziert, begegnet ihnen überall: Pelargonien schmücken Fensterkästen, Balkone, Terrassen und Innenhöfe. Sie gehören so selbstverständlich zum europäischen Sommer, dass viele Menschen überrascht sind, wenn sie erfahren, dass diese beliebten Pflanzen ursprünglich aus Südafrika stammen.

Dabei ist die Geschichte der Pelargonie nicht nur die Geschichte einer Gartenpflanze. Sie erzählt von Entdeckungsreisen, botanischer Forschung, königlichen Gärten, Pflanzenjägern, kolonialem Handel und der Entwicklung moderner Gartenkultur. Kaum eine andere Balkonpflanze blickt auf eine so spannende Vergangenheit zurück.

Die eigentliche Heimat der Pelargonien liegt am südlichen Ende Afrikas. Vor allem die Kapregion Südafrikas gilt als Zentrum ihrer Artenvielfalt.

Dieses Gebiet zählt zu den außergewöhnlichsten Pflanzenregionen der Welt. Obwohl die Fläche vergleichsweise klein ist, wachsen dort tausende Pflanzenarten, die nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen.

Das Klima ähnelt in vieler Hinsicht dem Mittelmeerraum: milde Winter, heiße Sommer und lange Trockenzeiten. Genau an diese Bedingungen haben sich die Pelargonien über Jahrmillionen angepasst.

Manche Arten wachsen zwischen Felsen in trockenen Gebieten, andere in Küstenregionen oder Berglandschaften. Viele besitzen fleischige Stängel und Blätter, in denen sie Wasser speichern können. Diese Fähigkeit erklärt auch, warum unsere Balkonpelargonien heute mit Sommerhitze oft besser zurechtkommen als viele andere Blühpflanzen.

Botaniker kennen mittlerweile mehr als 280 wilde Pelargonienarten. Sie unterscheiden sich teilweise enorm voneinander.

Einige Arten besitzen winzige Blüten und unscheinbare Blätter. Andere entwickeln prächtige Blütenstände. Wieder andere werden vor allem wegen ihrer intensiv duftenden Blätter geschätzt.

Die Geschichte der Pelargonie in Europa beginnt im Zeitalter der großen Entdeckungsreisen.

Im Jahr 1488 erreichte der portugiesische Seefahrer  Bartolomeu Dias erstmals das Kap der Guten Hoffnung. Doch erst viele Jahrzehnte später begann ein regelmäßiger Schiffsverkehr zwischen Europa und Asien.

Auf dem Weg nach Indien mussten die Schiffe am Kap Halt machen, um frisches Wasser, Nahrung und andere Vorräte aufzunehmen.

Als die Niederländer 1652 am Kap eine Versorgungsstation gründeten, begann die systematische Erforschung der dortigen Pflanzenwelt.

Ärzte, Botaniker und Naturforscher waren fasziniert von den unbekannten Pflanzen. Viele Arten wurden gesammelt, beschrieben und nach Europa verschifft.

Zu den ersten Pelargonien, die Europa erreichten, gehörte vermutlich Pelargonium triste. Diese Art besitzt gelbliche Blüten und einen ungewöhnlichen Duft, der nachts besonders intensiv wahrnehmbar ist.

Im 17. Jahrhundert waren exotische Pflanzen ein Statussymbol.

Wer seltene Pflanzen aus Afrika, Amerika oder Asien besaß, demonstrierte Reichtum, Bildung und Weltoffenheit.

Die ersten Pelargonien wurden daher vor allem in den Gärten von Königen, Fürsten und wohlhabenden Bürgern kultiviert.

In den berühmten botanischen Gärten der Niederlande, Frankreichs und Englands entwickelte sich regelrechte Sammelleidenschaft. Neue Arten wurden katalogisiert, gezeichnet und wissenschaftlich beschrieben.

Damals waren Pflanzen oft wertvoller als manche Luxusgüter. Eine seltene Pflanze konnte den Gegenwert mehrerer Monatsgehälter haben.

Lange Zeit herrschte Verwirrung über die Einordnung der Pelargonien.

Alle Pflanzen mit den charakteristischen schnabelförmigen Samenständen wurden zunächst einer einzigen Gruppe zugeordnet.

Erst im Jahr 1789 erkannte der französische Botaniker  Charles Louis L’Héritier de Brutelle wesentliche Unterschiede zwischen den winterharten Geranien Europas und den frostempfindlichen Pflanzen aus Südafrika.

Er schuf deshalb die neue Pflanzengattung „Pelargonium“.

Der Name stammt vom griechischen Wort „Pelargos“, was Storch bedeutet.

Die Früchte erinnern tatsächlich an den langen Schnabel eines Storches. Die nahe verwandten Geranien wurden nach dem griechischen Wort „Geranos“ benannt, das Kranich bedeutet.

Bis heute werden beide Pflanzen häufig verwechselt.

Das goldene Zeitalter der Pelargonien

Das 19. Jahrhundert gilt als das große Zeitalter der Pelargonien.

Europa befand sich mitten in einer Phase botanischer Begeisterung.

Pflanzenjäger reisten rund um die Welt und suchten nach neuen Arten für die Gewächshäuser der Reichen.

Gleichzeitig entwickelte sich die Kunst der Pflanzenzüchtung rasant weiter.

Gärtner begannen verschiedene Pelargonienarten gezielt miteinander zu kreuzen.

Dadurch entstanden Pflanzen mit:

  • größeren Blüten
  • kräftigeren Farben
  • längerer Blütezeit
  • kompakterem Wuchs
  • besserer Anpassung an europäische Bedingungen

Viele der heute bekannten Zonale-Pelargonien und Hängepelargonien gehen auf diese Züchtungsarbeit zurück.

Die Pelargonie erobert die Bauernhäuser

Mit der Industrialisierung wurden Pflanzen für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich.

Gärtnereien produzierten nun große Mengen an Jungpflanzen.

Besonders Pelargonien eigneten sich hervorragend für die Massenproduktion, da sie sich leicht über Stecklinge vermehren lassen.

So hielten sie Einzug in Bauernhäuser, Bürgerhäuser und Stadtwohnungen.

Bald wurden rote Pelargonien zu einem typischen Bild ländlicher Regionen.

Fenster voller Blüten galten als Zeichen von Ordnung, Fleiß und Stolz auf das eigene Zuhause.

Vor allem in Österreich, Bayern, Süddeutschland und Südtirol entwickelte sich die Pelargonie zu einem festen Bestandteil der regionalen Gartenkultur.

Viele historische Fotografien zeigen ganze Hausfassaden voller blühender Pelargonien.

Neben den klassischen Balkonpelargonien entstanden auch zahlreiche Duftpelargonien. Ihre Blätter enthalten ätherische Öle und verströmen beim Berühren intensive Düfte.

Im 18. und 19. Jahrhundert waren sie besonders beliebt. Damals gab es weder moderne Parfüms noch Duftsprays.

Duftpelargonien wurden daher genutzt:

  • zur Raumbeduftung
  • für Potpourris
  • in Kräutergärten
  • für Duftsäckchen
  • zur Aromatisierung von Süßspeisen

Einige Sorten lieferten sogar Rohstoffe für die Parfümindustrie.

Vor allem Rosenpelargonien wurden zur Gewinnung von Duftölen verwendet.

Während der beiden Weltkriege veränderten sich die Prioritäten vieler Menschen.Nutzpflanzen wurden wichtiger als Zierpflanzen.Dennoch verschwanden Pelargonien nie ganz aus den Gärten.Viele Familien überwinterten ihre Pflanzen Jahr für Jahr und vermehrten sie selbst.Dadurch wurden manche Sorten über Generationen weitergegeben.Nicht selten findet man heute noch Pelargonien, die ursprünglich von den Großeltern oder Urgroßeltern stammen.

Heute gehören Pelargonien weltweit zu den meistverkauften Balkonpflanzen.Jährlich werden Millionen Pflanzen produziert.

Moderne Züchtungen bieten eine unglaubliche Vielfalt:

  • klassische rote Sorten
  • weiße Blüten
  • rosa Varianten
  • violette Farben
  • zweifarbige Blüten
  • gefüllte Sorten
  • sternförmige Blüten
  • Hängeformen
  • Duftpelargonien
  • Edelpelargonien

Gleichzeitig arbeiten Botaniker daran, die wilden Ursprungsarten Südafrikas zu erhalten.Viele von ihnen stehen mittlerweile unter Schutz, da ihre natürlichen Lebensräume bedroht sind.

Vielleicht liegt die besondere Beliebtheit der Pelargonie darin, dass sie Generationen miteinander verbindet.

Sie erinnert an Großmutters Fensterbank, an Bauernhäuser mit blühenden Balkonen, an Sommerferien auf dem Land und an eine Zeit, in der Pflanzen oft über Jahrzehnte gepflegt wurden.

Ihre Geschichte reicht von den felsigen Landschaften Südafrikas über die botanischen Gärten Europas bis in unsere heutigen Balkonkästen. Kaum eine andere Pflanze hat einen so langen Weg zurückgelegt, um schließlich zum Sinnbild des europäischen Sommers zu werden.

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