Als ich ins Burgenland gezogen bin, hat mich eine Sache ehrlich gesagt völlig verwirrt. Ich stand bei meiner Nachbarin im Garten die Früchte knallrot, süß duftend, bereit zum Pflücken – und dann sagte Babu ganz selbstverständlich: „Magst für die Kinda a paar Ananas?“ Ich hab mich umgeschaut, ob irgendwo eine Palme steht die ich übersehen habe. Aber nein – hier heißen die Erdbeeren einfach „Ananas“. Warum das so ist?


Als ich dann hörte das es dann auch noch eine Ananaskönigin in Wiesen gibt, machte es das Ganze nicht gerade leichter, wenn man zuagroast ist. Aber charmant ist es allemal – typisch Burgenland eben. Warum genau, ich habe hier mehre Erklärungen im Laufe der Jahre gefunden

Die Antwort liegt, wie so oft im Burgenland, irgendwo zwischen Geschichte, Dialekt und einem Augenzwinkern.

Zunächst einmal hat das Burgenland eine besondere Sprachlandschaft. Bis 1921 gehörte es zur ungarischen Reichshälfte, viele ungarische Begriffe und Ausdrücke haben sich bis heute im Dialekt erhalten. In manchen alten ungarischen Sortenbezeichnungen tauchte das Wort „Ananász“ in Verbindung mit besonders aromatischen Erdbeeren auf – etwa als „ananász eper“, was sinngemäß so viel wie „Ananas-Erdbeere“ bedeutete. Und daraus wurde im Alltag vielleicht kurzerhand: „Ananas“. Das hat mit der Zuchtgeschichte unserer heutigen Gartenerdbeere zu tun. Walderdbeeren gibt es nämlich schon seit der Jungsteinzeit. Die ersten schriftlichen Hinweise stammen von den römischen Dichtern Vergil (19 v. Chr.) und Ovid (17 n. Chr.), die die duftende Frucht „frega“ oder „fregum“ nannten. Der heutige botanische Name „Fragaria“ leitet sich vom lateinischen „fragare“ ab – was nichts anderes heißt als „duften“. Im Mittelalter taucht der Name dann erstmals so auf, damals wurden Walderdbeeren auch schon auf Feldern kultiviert.

Nach der Entdeckung Amerikas brachten französische Siedler von dort besonders große, scharlachrote Erdbeeren mit. In Europa wurden diese mit einer weiteren amerikanischen Art – der chilenischen Erdbeere – gekreuzt. Rund um 1750 entstand daraus in Amsterdam eine neue, geschmacklich sehr auffällige Sorte. Und weil sie im Aroma leicht exotisch war, nannte man sie „Ananas-Erdbeere“ (Fragaria ananassa). Diese Ananas-Erdbeere ist bis heute die Stammform unserer modernen Gartenerdbeeren – von denen es inzwischen über 1000 Sorten gibt.

In Österreich, besonders im Burgenland und im süddeutschen Raum, hat sich für diese großfruchtigen Erdbeeren daher umgangssprachlich oft die Bezeichnung „Ananas“ eingebürgert – vor allem als Unterscheidung zur kleineren, intensiver schmeckenden Walderdbeere. Die echte tropische Ananas wurde im Gegenzug gelegentlich als „Hawai-Ananas“ bezeichnet – auch das eine sprachliche Eigenheit, die zeigt, wie regionale Tradition und Alltagsgebrauch zusammenwirken.

Dazu kommt noch doch auch etwas ganz Typisches : eine gute Portion burgenländischer Humor und Stolz. Denn was braucht man tropische Früchte, wenn im eigenen Garten die süßesten und besten Erdbeeren wachsen? So wurde aus der Erdbeere wohl liebevoll die „Ananas aus’m Weingarten“.

Die Erdbeere – oder Ananas – gehört übrigens gar nicht zu den Beeren, auch wenn wir das alle denken. Botanisch ist sie eine sogenannte Sammelnussfrucht. Das Rote, das wir essen, ist eigentlich nur der verdickte Blütenboden. Die eigentlichen Früchte sind die winzigen gelben Nüsschen auf der Oberfläche. Aber beim Naschen denkt daran wahrscheinlich niemand, und das ist auch gut so.

Was viele aber nicht wissen: Erdbeeren sind kleine Vitaminbomben. Sie enthalten mehr Vitamin C als Orangen, Folsäure, Kalium, Magnesium und jede Menge sekundäre Pflanzenstoffe, die entzündungshemmend und antioxidativ wirken. Und das bei nur rund 30 Kalorien auf 100 Gramm. Also: Naschen mit gutem Gewissen.

Ich liebe Erdbeeren nicht nur pur oder als Marmelade. Bei mir landen sie auch im Salat – mit etwas Balsamico, Basilikum und ein paar gehackten Kürbiskernen. Oder in Sirup mit Zitronenverbene. Und ja, auch im Spritzer machen sie sich gut. Erdbeeren gehören einfach zum Sommer dazu, sie sind Erinnerung, Geschmack und Kindheitsgefühl in einem.

Dann gibt es da noch die Sorte, die mein Herz erobert hat: Mieze Schindler. Klein, tiefrot, weich und so duftend, dass man glaubt, eine Handvoll Walderdbeeren zu riechen. Der Geschmack ist unbeschreiblich – süß, aromatisch, intensiv. Aber sie hat einen Haken: Sie ist nicht transportfähig, druckempfindlich, reift unregelmäßig.

Für den Handel völlig ungeeignet. Deshalb bekommt man sie kaum noch zu kaufen. Aber in Gärten lebt sie weiter – auch bei mir. Eine Diva im Beet, aber jede Frucht ist ein kleines Wunder. Direkt vom Strauch genascht – das ist Erdbeerglück pur.

Links Mieze Schindler, rechte eine Ananas 😀

Abseits der Supermarktware gibt es viele spannende Sorten, die den Vergleich mit Mieze Schindler nicht scheuen müssen. Von Senga Sengana bis Mara des Bois, von weißen Sorten mit Ananasaroma bis hin zu robusten Früchteträgern wie Florika. Wer einmal selbst anbaut, entdeckt schnell, wie groß die Geschmacksvielfalt ist. Nicht jede Erdbeere muss groß, glänzend und hart sein. Manchmal ist es gerade das Zarte, das Unperfekte, das wirklich berührt.

Ich finde: Erdbeeren sind mehr als eine Frucht. Sie sind ein Gefühl. Und ja – manchmal heißen sie Ananas. Willkommen im Burgenland.

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