Für mich persönlich gehört das Johanniskraut zu den faszinierendsten heimischen Heilpflanzen überhaupt. Gemeinsam mit der Schafgarbe zählt es zu meinen absoluten Lieblingsheilpflanzen. Beide sind keine exotischen Schönheiten, die sich in den Vordergrund drängen. Im Gegenteil. Sie wirken auf den ersten Blick eher unscheinbar. Das Johanniskraut mit seinen kleinen goldgelben Blüten, die Schafgarbe mit ihren zarten weißen oder rosafarbenen Blütenschirmen. Wer nur nach spektakulären Pflanzen Ausschau hält, läuft oft an ihnen vorbei.

Vielleicht mag ich gerade deshalb beide so gerne. Sie wachsen nämlich meist dort, wo sie selbst wachsen wollen. Man kann versuchen, sie im Garten anzusiedeln, doch oft entscheiden sie selbst, ob ihnen ein Standort gefällt. Plötzlich tauchen sie an einem Wegrand, auf einer Böschung oder mitten in einer Wiese auf und fühlen sich dort offensichtlich wohler als im sorgfältig geplanten Kräuterbeet. Sie lassen sich nicht herumkommandieren und machen ihr eigenes Ding.

Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen nach immer exotischeren Superfoods suchen, zeigen Johanniskraut und Schafgarbe, dass die größten Schätze oft direkt vor unserer Haustür wachsen. Sie brauchen kaum Pflege, trotzen Trockenheit und Hitze und begleiten die Menschen seit Jahrhunderten als Heilpflanzen. Vielleicht liegt darin auch eine kleine Lektion: Nicht immer sind es die Lauten und Auffälligen, die am meisten zu bieten haben. Manchmal sind es die stillen Begleiter am Wegesrand.

Wenn Ende Juni die Wiesen in warmem Gelb leuchten und die längsten Tage des Jahres vor der Tür stehen, beginnt die große Zeit des Johanniskrauts. Rund um den Johannistag am 24. Juni öffnet es seine goldgelben Blüten und begleitet die Menschen seit Jahrhunderten als Heilpflanze, Schutzkraut und Symbol des Sommers. Kaum eine heimische Pflanze vereint Naturheilkunde, Volksglauben, Geschichte und moderne Wissenschaft so sehr wie das Johanniskraut. Für viele ist es die Pflanze des Lichts. Während andere Kräuter still und unscheinbar am Wegesrand wachsen, scheint das Johanniskraut die Sonne selbst eingefangen zu haben.

Das Echte Johanniskraut (Hypericum perforatum) gehört zur Familie der Johanniskrautgewächse. Es wächst bevorzugt auf sonnigen Wiesen, Böschungen, Wegrändern, Schotterflächen und trockenen Hängen. Die mehrjährige Pflanze erreicht je nach Standort zwischen 30 und 100 Zentimeter Höhe. Ihre leuchtend gelben Blüten mit den zahlreichen Staubblättern sind unverwechselbar. Wer eine Blüte zwischen den Fingern zerreibt, wird feststellen, dass sich die Haut rötlich färbt. Verantwortlich dafür ist der Farbstoff Hypericin. Auch die Blätter haben eine Besonderheit. Hält man sie gegen das Licht, erkennt man unzählige kleine Punkte. Diese wirken wie winzige Löcher und gaben der Pflanze ihren Artnamen „perforatum“, was so viel wie „durchlöchert“ bedeutet. Tatsächlich handelt es sich dabei um kleine Öldrüsen, in denen wertvolle Inhaltsstoffe gespeichert werden.

Blüte zwischen den Fingern zerreiben, färbt es rot ab ist es das Johanniskraut.

Die Geschichte des Johanniskrauts reicht weit zurück. Bereits die alten Griechen kannten und schätzten die Pflanze. Ärzte wie Hippokrates und Dioskurides beschrieben ihre Verwendung. Im Mittelalter fand das Johanniskraut seinen festen Platz in den Klostergärten Europas. Dort wurde es kultiviert, getrocknet und zu Ölen, Salben und Heilmitteln verarbeitet. Der Name Johanniskraut leitet sich vom Johannistag am 24. Juni ab, an dem die Pflanze meist in voller Blüte steht. Für viele Menschen war dies kein Zufall. Sie glaubten, dass die Pflanze die Kraft der Sommersonne in sich trägt und gerade deshalb eine besondere Wirkung besitzt.

In der Naturheilkunde zählt Johanniskraut bis heute zu den bekanntesten heimischen Heilpflanzen. Besonders berühmt wurde es als sogenannte Nervenpflanze. Traditionell wurde es bei Niedergeschlagenheit, innerer Unruhe, Stress, Erschöpfung und Schlafproblemen eingesetzt. Moderne Untersuchungen beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit seinen Inhaltsstoffen. Vor allem standardisierte Johanniskrautpräparate werden bei leichten bis mittelschweren depressiven Verstimmungen verwendet. Daneben spielte aber auch die äußerliche Anwendung immer eine große Rolle. Das bekannte Johanniskrautöl, oft auch Rotöl genannt, wurde traditionell bei Muskelverspannungen, Prellungen, Zerrungen, Narben, Sonnenbrand und trockener Haut eingesetzt. Viele Kräuterkundige betrachten es bis heute als eine Art Erste-Hilfe-Öl aus der Natur.

Verantwortlich für die Wirkung sind zahlreiche Inhaltsstoffe. Besonders bekannt sind Hypericin und Hyperforin. Dazu kommen Flavonoide, Gerbstoffe, ätherische Öle und weitere sekundäre Pflanzenstoffe. Die Kombination dieser Stoffe macht das Johanniskraut zu einer der am besten erforschten Heilpflanzen Europas. Trotzdem gilt wie bei allen Heilpflanzen: Die Wirkung entsteht nicht durch einen einzelnen Stoff, sondern durch das Zusammenspiel vieler Inhaltsstoffe.

Rund um das Johanniskraut ranken sich unzählige Geschichten, Bräuche und Aberglauben. Früher galt es als mächtige Schutzpflanze. Sträuße wurden über Türen gehängt, um Haus und Hof vor Unheil zu bewahren. In manchen Regionen legte man Johanniskraut unter das Kopfkissen, damit böse Träume fernblieben. Besonders die Johannisnacht galt als magische Zeit. Wer die Pflanze in den frühen Morgenstunden sammelte, sollte angeblich besonders wirksame Exemplare erhalten. In vielen Gegenden Europas glaubte man sogar, Johanniskraut könne Hexen, Dämonen und andere dunkle Mächte vertreiben. Heute mögen wir darüber schmunzeln, doch diese Geschichten zeigen, welchen hohen Stellenwert die Pflanze über Jahrhunderte hatte.

In der Küche spielt Johanniskraut nur eine Nebenrolle. Gelegentlich werden die Blüten für Teemischungen verwendet, doch aufgrund seiner starken Wirkstoffe ist Johanniskraut kein typisches Küchenkraut wie Minze, Salbei oder Zitronenmelisse. Seine eigentliche Bedeutung liegt eindeutig in der Naturheilkunde.

Wer Johanniskraut selbst verarbeiten möchte, kann mit wenig Aufwand das berühmte Rotöl herstellen. Dazu werden frisch geerntete Blüten locker in ein sauberes Glas gefüllt und mit hochwertigem Oliven- oder Sonnenblumenöl übergossen. Wichtig ist, dass alle Pflanzenteile vollständig mit Öl bedeckt sind. Anschließend stellt man das Glas vier bis sechs Wochen an einen sonnigen Platz und schüttelt es regelmäßig. Nach einiger Zeit färbt sich das Öl tiefrot. Danach wird es abgeseiht und in dunkle Flaschen gefüllt. Kühl und dunkel gelagert hält es etwa ein Jahr.

Aus diesem Rotöl lässt sich auch eine pflegende Salbe herstellen. Dafür werden 100 Milliliter Johanniskrautöl vorsichtig erwärmt und mit etwa 10 bis 12 Gramm Bienenwachs vermischt. Sobald das Wachs geschmolzen ist, wird die Mischung in kleine Salbendosen gefüllt. Nach dem Abkühlen entsteht eine angenehm streichfähige Salbe für trockene Haut, beanspruchte Hände oder kleinere Hautverletzungen.

So wertvoll Johanniskraut auch ist, einige Warnhinweise sollten beachtet werden. Bei hoch dosierter innerlicher Anwendung kann die Haut empfindlicher auf Sonnenlicht reagieren. Außerdem kann Johanniskraut die Wirkung verschiedener Medikamente beeinflussen. Dazu zählen unter anderem die Antibabypille, Blutverdünner, einige Herzmedikamente und bestimmte Medikamente nach Organtransplantationen. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte daher vor einer Anwendung Rücksprache mit Arzt oder Apotheke halten. Auch ersetzt Johanniskraut bei schweren Depressionen keine medizinische Behandlung.

Wenn ich Ende Juni die goldgelben Blüten am Wegesrand sehe und sich die Fingerspitzen beim Zerreiben der Blüten rot färben, verstehe ich, warum unsere Vorfahren glaubten, die Sonne selbst habe einen Teil ihrer Kraft in dieser Pflanze hinterlassen. Ob als Heilpflanze, als Rotöl für die Hausapotheke oder einfach als leuchtender Farbtupfer auf einer Sommerwiese – Johanniskraut hat seinen Platz in unserer Kultur und Natur mehr als verdient. Gemeinsam mit der Schafgarbe erinnert es mich jedes Jahr daran, dass die größten Schätze oft nicht im Gartencenter stehen, sondern ganz unscheinbar am Wegesrand wachsen.

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